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Anschrift:
Bundesverband Deutscher Landwirte e.V.
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Dresdner Straße 46
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09526
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Dittmansdorf
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BAUERNLAND IN BONZENHAND
Die neuen alten Herren im Osten
Belogen und Betrogen
Nirgends haben die Führungskader der DDR die Wende so unbeschadet
überstanden wie auf dem Lande. In vielen Dörfern herrschen noch immer die Chefs
der alten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften. Die kleinen Bauern
wurden ausgetrickst und ausgenommen - mit Hilfe und zugunsten alter
Seilschaften.
Die Sache mit dem Kapitalismus hat Cyrill Wetzlich auch vier Jahre nach der
Wiedervereinigung nicht so recht begriffen. Keiner hat dem Bauern aus dem Dorf
Ostro südlich von Hoyerswerda erklären können, wie sich Geld gleichsam in
Nichts auflösen kann. In seiner guten Stube sitzt Wetzlich, 65, und blättert
mit seinen abgearbeiteten Händen in den Akten. Ratlos lehnt er sich in seinem
Sessel zurück: Das Geld ist nicht mehr da, und ich weiss nicht, wo es
geblieben ist.
Ein paar Begriffe aus dem kapitalistischen Sprachgebrauch kennt Wetzlich
inzwischen: Abwertung und Abschreibung. Die Chefs seiner einst blühenden LPG
1. Mai Kaschwitz, soviel weiss Wetzlich, haben 1400 Kühe abgewertet
und neue Maschinen abgeschrieben. Ich weiss nicht, wie das geht, resigniert
der Bauer. Als sich der Betrieb wie jede Landwirtschaftliche
Produktionsgenossenschaft (LPG) der untergegangenen DDR auflösen musste, war
die LPG Kaschwitz jäh verarmt. Da blieb für Anteilseigner wie Wetzlich wenig
zum Verteilen. Der Landmann aus Ostro kramt eine Rechnung aus seinen
Unterlagen. 259,50 Mark hat ein Tierarzt erhalten, der eine
Unbedenklichkeitsbescheinigung für den Export von 256 Kühen und Schweinen nach
Russland ausgestellt hatte. Ein Beleg über den Verkaufserlös bei diesem Exportgeschäft
liess sich nicht auftreiben. Die Tiere sind wohl irgendwie abhandengekommen.
Schwund ist immer. Was will man da machen? fragt Wetzlich.
Fast überall sind die LPG auf rätselhafte Art arm
geworden. Sie mussten sich in eine kapitalistische Betriebsform umwandeln und
ihre ausscheidenden Genossen als Anteilseigner abfinden. Doch als es ans Zahlen
ging, war das Vermögen ehemals wohlhabender Betriebe auf rätselhafte Art
geschrumpft, wie bei der Agrargenossenschaft Bertsdorf-Olbersdorf, dem LPG
Frühgemüsezentrum Dresdens und wie sie alle heissen.
Geld verschwindet nicht, das weiss jeder Kaufmann - es wechselt den Besitzer.
Dieter Tanneberger, Präsident der Bauernorganisation Deutscher Landbund, weiss,
wohin es geflossen ist: Überall hätten LPG-Chefs mit flächendeckenden
Bilanzfälschungen die Produktionsgenossenschaften arm gerechnet und
Millionenbeträge in ihre Nachfolgebetriebe geschleust. Kaum waren die Bauern
billig abgefunden, entwickelten sich die verarmten LPG auf wundersame Weise zu
hochprofitablen Agrarfirmen - geleitet von den ehemaligen LPG-Vorsitzenden. Sie
und ihre Partner in den neuen Betrieben profitieren nun vom Aufschwung der
ostdeutschen Landwirtschaft, die Baueren sind die Dummen.
Erst langsam dämmerte den Bauern, dass sie ausgetrickst und ausgenommen worden
sind. Die Wut kommt erst jetzt hoch, sagt Landbund-Präsident
Tanneberger. Wir wurden belogen und betrogen, beschreibt Bauer
Werner Dittmann die Stimmung in der Region um Schönau südlich von Görlitz. Viele
wandten sich in hilfloser Verbitterung an den Bundeskanzler. Das ehemalige
LPG-Mitglied Inge Horn aus Berthelsdorf in einem Brief an Helmut Kohl: Ich
erlebe jetzt, wie in dem neuen Staat altes Unrecht weiter ausgeführt werden
darf.
Mit der Wiedervereinigung gingen grosse Ländereien in Bundeseigentum
über: die Äcker, Wälder und Wiesen der ehemaligen Grossgrundbesitzer.
Doch nicht einmal ein fünftel dieses Junker-Landes wurde an
ortsansässige Wiedereinrichter verpachtet, wie die ehemaligen LPG-Bauern
im Behördendeutsch heissen. Statt dessen gehören fast 60% der staatseigenen
Äcker, wie die Statistik ausweist, juristischen Personen: Das sind
die Firmen, die von den ehemaligen LPG-Chefs aufgemacht wurden. Weitere zehn
Prozent des Landes fielen an ortsansässige Neueinrichter. Das sind
Ostdeutsche, die vor der Wende keinen einzigen Hektar besassen, aber dann einen
landwirtschaftlichen Betrieb aufmachten. Hinter dem unverfänglichen Begriff
ortsansässige Neueinrichter verbergen sich im wesentlichen LPG-Versitzende,
die selbständige Bauern wurden, oft mit vielen hundert Hektar Pachtland.
Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften befanden sich oft in
besserem Zustand als die heruntergekommenen Industrieanlagen der DDR. Ihre
Einfamilienhäuschen und Wohnblocks waren dank eigener Reparaturbrigaden
durchweg ordentlicher erhalten als die Mietskasernen in den Städten. Von
beträchtlichem Wert waren Viehherden, Melkanlagen und Getreidespeicher. Ein
Milliarden schweres Vermögen wäre zu verteilen gewesen - wenn tatsächlich
geteilt worden wäre. Die LPG-Mitglieder hätten eine Menge Geld erhalten - wenn
die Vorsitzenden saubere Bilanzen erstellt und korrekt abgerechnet hätten.
Anders als den einfachen Ost-Bauern geht es den früheren LPG-Chefs zumeist
blendend. Kein Berufsstand in der DDR hat die Wende so glatt geschafft wie die
Führungskader der sozialistischen Landwirtschaft. Weitgehend unbemerkt von der
Öffentlichkeit herrschen sie nun wieder wie zu SED-Zeiten über das Land; mit
einem Unterschied allerdings: Früher waren sie nur mächtig, heute sind sie auch
noch reich. Die alten Kader als Gewinner der Einheit - und die Verlierer sind
wieder einmal die Kleinen. Nirgendwo sonst ging die Umwandlung von der Plan- in
die Marktwirtschaft so reibungslos wie auf dem ostdeutschen Land. Ganze
Landstriche gehören nun den roten Junkern.
Der Gesetzgeber wurde bisher nicht aktiv, die Staatsanwälte schritten selten
ein. Dabei liessen es die neuen Landlords an krimineller Energie nicht fehlen.
Die Bauern wurden um ihren rechtmässigen Anteil am Vermögen der LPG geprellt,
Bilanzen frisiert, Protokolle gefälscht. Jeder klaue wie er kann,
beschreibt der Bautzener Anwalt Winfried Schachten die Devise der roten Junker.
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