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Tierschutz im Grundgesetz
Verschärfen sich die Haltungsbedingungen auch in der EU?
Pressemitteilung vom 13.06.2002


Der Schutz der Tiere ist seit Pfingsten im Grundgesetz verankert. Zwar verbietet das deutsche Tierschutzgesetz schon immer das Quälen der Tiere in jeder Form. „Dennoch verstoßen große Teile der industriemäßig betriebenen Landwirtschaft und die Forschung seit Jahrzehnten faktisch gegen das Verbot der Tierquälerei. Viele Formen der Tierversuche als auch die Bedingungen in der Massentierhaltung sind himmelschreiende Auswüchse, die in unserer modernen, wohlhabenden Welt nicht vorkommen dürfen. Es ist paradox, dass Deutschland einerseits als tierfreundlichstes Land Europas gilt, sich an vielen beklagenswerten Zuständen aber nie etwas änderte.

Eiserne Jungfrau
Für erregte Gemüter sorgt derzeit eine Diskussion um die Schweinemast in Deutschland, nachdem WELT am SONNTAG über Proteste von Tierschützern gegen die Zustände in den Schweinemastbetrieben berichtet hatte (Ausgabe vom 28. April). In dem Bericht wurden auch Bedenken der EU gegen die Mastbedingungen in allen Bundesländern dargelegt. Im Mittelpunkt der Debatte steht dabei die Ferkelschutzbucht, von Tierschützern "Eiserne Jungfrau" genannt: ein rund 70 Zentimeter breiter und 220 Zentimeter langer Stahlrohrrahmen, in dem die Muttersäue gehalten werden. "Die Muttersau steht dort zum Schutz der Ferkel", erklärt Professor Joachim Krieter von der Gesellschaft für Tierzuchtwissenschaft. Gäbe es die Ferkelschutzbucht nicht, würde die Sau sich hinfallen lassen und ihre eigenen Ferkel erdrücken. "Rund 40 Prozent der Ferkelverluste sind darauf zurückzuführen", so der Professor für Tierhaltung. "Solche Verluste, die in der Bio-Haltung vorkommen, weil wir diesen Stahlrohrkäfig nicht haben, nehmen wir in Kauf", hält Öko-Landwirt Dietmar Groß dagegen.
"Insgesamt stehen viele der Zuchtsauen bis zu fünf Monate im Jahr so eingezwängt, dass sie sich nicht einmal um die eigene Achse drehen können", empört sich die Agraringenieurin Regina Jaeger vom Verein gegen tierquälerische Massentierhaltung.

Kastration ohne Betäubung
Für heftige Auseinandersetzungen sorgt auch die Kastration der Schweine, bei der Landwirte männlichen Ferkeln ohne Betäubung mit einem Skalpell die Hoden abschneiden. "Die Kastration wird in den ersten Lebenswochen vorgenommen, weil Untersuchungen bewiesen haben, dass das Schmerzempfinden der Ferkel und die Gefahr von Infektionen in diesem Alter noch sehr gering sind", erklärt Experte Krieter. Dabei können sich die Landwirte auf das deutsche Tierschutzgesetz berufen, das die Kastration ohne Betäubung von unter vier Wochen alten Schweinen erlaubt. Dieses Argument lässt Regina Jaeger nicht gelten. "Wenn die Samenstränge durchtrennt werden, ist das unheimlich schmerzhaft für die Tiere." In Dänemark sei "diese Unsitte" bereits verboten. Die Niederländer kastrierten für den deutschen Markt, weil deutsche Verbraucher den Ebergeschmack nicht mögen. Das bestätigt Franz-Josef Möllers, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes: "Die Kastration männlicher Ferkel ist in Deutschland nicht wegzudenken, da die schlachtreifen männlichen Schweine auf Grund des Ebergeruchs nicht vermarktungsfähig wären."

Kupieren der Schwänze
Mit dem Abschneiden der Schwänze verhält es sich tierschutzrechtlich ähnlich wie bei der Kastration - es ist bei unter vier Tage alten Ferkeln ohne Betäubung erlaubt. Landwirte wie Joseph Uckermann, der einen Betrieb mit 1000 Mastplätzen führt, kürzen die Schwänze prophylaktisch, damit sich die Ferkel diese nicht gegenseitig abbeißen. Dazu kann es insbesondere beim "Schlangestehen" am Futterplatz kommen oder wenn nicht ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten für die neugierigen Tiere zur Verfügung stehen. Tierschützer bemängeln, dass sich die Wunden leicht entzünden können. "Deshalb benutze ich einen Gasbrenner, der die offene Wunde sofort verschließt", erklärt Uckermann. "Außerdem kupiere er, versichert der Landwirt, nur das letzte Drittel des Schwanzes, in dem sich keine Nerven befänden. "Mit dieser Verstümmelung wird das Tier an die Haltungsbedingungen angepasst, statt etwas an den Bedingungen, also der Ursache zu ändern", empört sich dagegen Öko-Landwirt Dietmar Groß.

Verhaltensstörungen und Antibiotika
Schwere Kritik üben Tierschützer an der Massentierhaltung von Schweinen, weil sie zu Verhaltensstörungen wie "Stangenbeißen", "Leerkauen" und "Kopfwiegen" führten, Symptome, die der Deutsche Tierschutzbund auf "unterdrücktes Erkundungsverhalten" zurückführt. Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Nord-Westdeutschland (ISN) ging auf die Kritik ein und schrieb einen Ideenwettbewerb für "bezahlbares Beschäftigungsmaterial" für Schweine aus. Auch im Fall der umstrittenen Verabreichung von Antibiotika in der Massentierhaltung scheinen sich Bauern und Tierschützer näher zu kommen. Während der EU-Verbraucherkommissar David Byrne auf Druck der Tierschutzlobby ein EU-weites Antibiotika-Verbot in der Tiermast anstrebt, verzichten immer mehr Schweinehalter in Deutschland freiwillig auf Antibiotika als Futterzusatz, wie die ISN bestätigt. Berichte darüber, dass in der Schweinemast weiterhin Tiermehl verfüttert werde, weisen die Landwirte unisono von sich. Lediglich Fischmehl sei in Gebrauch.
Die Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft, Renate Künast (Grüne), bezeichnet die Zustände in der Mastschweinehaltung trotz aller Einwendungen der Landwirte als "katastrophal und alles andere als artgerecht". Eine neue Schweinehaltungsverordnung, die die Gruppenhaltung von Sauen und ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten für die Schweine vorschreibt, solle deshalb Ende des Jahres in Kraft treten, verspricht die Politikerin. Nordrhein-Westfalens Umweltministerin Bärbel Höhn (Grüne), die auf Länderebene die strengste Schweinehaltungsverordnung durchgesetzt hat, kennt die Schwierigkeiten, die Interessen der Tierschützer und der Bauern in Einklang zu bringen: "Es ist wichtig, eine Schweinehaltungsverordnung zu haben, mit der die Bauern wirtschaftlich arbeiten können. Es ist niemandem geholfen, wenn die Produktion ins Ausland verlegt wird." Der Tierschutzbund will auch die Verbraucher in die Verantwortung nehmen, die "Fleisch nicht länger als billiges, alltägliches Massenprodukt betrachten" dürften. Denn bessere Schweinehaltung koste zuallererst mehr Geld.

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