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Getreide aus dem Atomreaktor
Weltweit neue Pflanzensorten durch radioaktive Bestrahlung / Ohne radioaktive Bestrahlung wäre das farbenprächtige Angebot der Floristen weitaus farbloser

Von Udo Ulfkotte
Pressemitteilung vom 17.05.2001


Weil kein Züchter gezwungen wird, eine radioaktive Bestrahlung indizierte Mutation bei der IAEA anzuzeigen und die Angaben freiwillig sind, dürfte die tatsächliche Zahl der so geschaffenen Pflanzensorten wesentlich höher liegen. Egal, ob es sich um texanische Grapefruit, amerikanischen oder asiatischen Reis, italienischen Hartweizen oder die Jute für eine Tasche handelt, auf der „Atomkraft, nein danke“ aufgedrückt ist – die meisten dieser Pflan-zensorten wurden in Atomreaktoren bestrahlt oder auf den Feldern mit Kobalt-60-Kanonen oder Röntgenstrahlen behandelt. Von den Pflanzen wurden dann jene ausgewählt, deren „Missbildungen“ in der Zucht Vorteile (Resistenzen, höherer Ertrag, neue Farbe) versprachen, und in bestehende Sorten eingekreuzt. Mehr als die Hälfte der in Europa angebauten Gerste hat demnach Gene in ihrem Erbgut, die letztlich durch Bestrahlung verändert wurden. Allein deutsche Züchter haben nach Angaben der IAEA mit Hilfe radioaktiver Bestrahlung 44 Getreidesorten neu gezüchtet.

Der Leiter des gemeinsam von IAEA und Welternährungsorganisation (FAO) betriebenen Sektion „Nukleartechnik in Ernährung und Landwirtschaft“, Miroslaw Maluszynski, sagte der FAZ in Wien, dass auch in Schottland viele der für die Whisky-Produktion genutzten Gerstensorten auf eine Mutante zurückgehen, die durch Bestrahlung erzeugt wurde: „Eine gute Whisky-Gerste ist beispielsweise Milns Golden Promise. Und die entstand 1966 mit Hilfe von Gammastrahlen.“ Die von Maluszynski geleitete Abteilung hilft weltweit Bauern, mit künstlich mutierten Pflanzensorten höhere Erträge zu erwirtschaften und so die Lebensgrundlagen zu sichern. Schon 1965 war die – später in ganz Europa angebaute – Gerstensorte „Diamant“ in der damaligen Tschechoslowakei mit Hilfe von Röntgenstrahlen geschaffen worden. Zu den so in Deutschland gezüchteten Gerstensorten zählen nach Angaben der IAEA-Projektleiterin Karin Nichterlein beispielsweise die Sorten Alexis, Allasch, Amazone, Arena, Araraty-7, Beate, Cheri, Defia, Defra, Delita, Dera, Derkado, Dorett, Frankengold, Gerlinde, Grit Helena, Ilka, Jutta, Korinna, Lada Larissa, Lenka, Maresi, Marina, Matura, Nebi, Nomad, Rumba, Salome, Sissy, Stella, Tamina, Toga und Trumpf. Sie sind entweder direkt durch die Mutation nach der Bestrahlung mit schnellen Neutronen, Gamma- oder Röntgenstrahlen entstanden oder mit so bestrahlten Sorten gekreuzt worden und dann zu einer neuen Sorte geworden, die sich etwa durch Resistenzen oder besondere Brauqualitäten auszeichnet. Nach Informationen der FAO/IAEA-Datenbank wurden in Deutschland auch mindestens zwei Weizensorten, 34 Chrysanthemensorten, drei Azaleensorten, vier Nelkensorten, drei Bohnensorten, eine Sojabohnensorte, eine Spinatsorte, elf Inka-Liliensorten und eine Geraniensorte mit Hilfe von radioaktiver Bestrahlung entwickelt und offiziell unter Sortenschutz gestellt. Im vergangenen Jahr ließ die in Gensingen ansässige Firma Innova Plant eine Chrysantheme im IAEA-Forschungszentrum Seibersdorf bei Wien bestrahlen, und auch die Stuttgarter Universität Hohenheim schickte Samen, die in der „Gammazelle“ genannten Kobalt-60-Quelle mutiert wurden, mit der die IAEA in Seibersdorf auch schon die schmackhafte neue Bananensorte „Novartia“ geschaffen hatte.

Der Leiter der Abteilung Lebensmittelchemie des Fachbereichs Chemie der Universität Hamburg, Steinhart, hat 1961/62 nach eigenen Angaben als Werkstudent im Auftrag der bayerischen Landesanstalt für Pflanzenbau Saatgut zum Forschungsreaktor nach Garching gefahren, wo dieses dann bestrahlt und mutiert wurde. Bei jeder Bestrahlung habe es bis zu 10 000 Mutationen gegeben. Anschließend sei das mutierte Saatgut an Standorten im bayerischen Wald, nahe Nürnberg und in Oberfranken ausgebracht worden. Mit den besten Pflanzen der Getreideernte sei dann weitergezüchtet worden. Getreidezüchter hätten später von der bayerischen Landesanstalt solche „positiven Mutationen“ bekommen. Steinhart sagt: „Ich glaube, dass ein Großteil der heute biologisch genannten Sorten solche Mutationszüchtungen sind.“ Fast alle Züchter weigerten sich heute mitzuteilen, welche durch Bestrahlung erzeugten Sorten sie in ihre Hauszüchtungen eingekreuzt hätten. Steinhart berichtet auch über Kartoffeln, die in Garching zur Mutation in den Reaktor gehängt worden seien. Auch der am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln arbeitende Agrarwissenschaftler Wolfgang Schuchardt hebt hervor: „Sie können davon ausgehen, dass viele Sorten, die heute ausgesät werden, auf Mutationszüchtungen beruhen, die auch mit Hilfe der Bestrahlung erfolgten. Doch wegen der Kreuzungen kann man heute kaum noch nachvollziehen, bei welchen Endprodukt welcher Anteil daher stammt.“ Die Jute fast aller Tragetaschen stammt nach übereinstimmenden Angaben von IAEA/FAO und führenden Lebensmittelchemikern heute aus Staaten wie Burma, Indien, China und Bangladesch, die sich offen dazu bekennen, die Jute-Pflanzen durch radioaktive Bestrahlung mutiert und so neue Sorten entwickelt zu haben. Von Zwiebeln über Erdnüsse, Grassamen, Senf, Sojabohnen, Reis, Baumwolle, Zitrusfrüchten wie Orangen, Zitronen, Mandarinen und Lemonen, Papaya, Pfeffer, Pfefferminze, Wassermelone, Flachs, Tabak, Aprikose, Süß- und Sauerkirsche, Birne, Apfel und Pflaume bis hin zu Olive, Mais, Sesam, Tomaten, Trauben, Bananen und Bohnen reicht die Zahl jener Pflanzen, die Züchter in aller Welt schon mit Hilfe von schnellen Neutronen, Gamma- oder Röntgenstrahlen genetisch zu verändern suchten. Besonders erfolgreich waren sie bei Reis, Bananen, Gerste, Hartweizen, Kichererbse, Apfel, Grapefruit, Pfefferminze und japanischer Birne. So wächst nicht nur auf dem Gelände des österreichischen Forschungsreaktors Seibersdorf bei Wien, das auch von der IAEA genutzt wird, eine „Golden Haidegg“ genannte neue Apfelsorte, die durch Bestrahlung mit Gammastrahlen aus dem traditionellen „Golden Delicious“ gewonnen wurde. Und auch das immer farbenprächtigere Angebot der Floristen wäre ohne die radioaktive Bestrahlung heute wohl weitaus farbloser. In der Liste der von der IAEA als Strahlungsmutanten aufgeführten neuen Pflanzensorten nimmt weltweit der Reis (lateinisch Oryza sativa) mit 434 der IAEA gemeldeten neuen Sorten den ersten Platz ein, gefolgt von Gerste (Hordeum vulgare) mit weltweit 269 Sorten, die durch Strahlungsmutation geschaffen wurden, Chrysanthemen (Chrysanthemum) mit 232 Sorten, Weizen (Triticum aestivum) mit 197 Sorten, Sojabohnen (Glycine max) mit 90 Sorten, Mais (Zea mays) mit 68 Sorten, Rosen (Rosa) mit 61 Sorten, Bohnen (Phaseolus vulgaris) mit 54 neuen Sorten, die Erdnuß (Arachis hypogaea) mit 48 Sorten, die Dahlie (Dahlia) mit 36 Sorten, die Erbse (Pisum sativum) mit 32 Sorten und der Baumwolle (Gossypium) mit 24 Sorten, um nur einige zu nennen.

Auf 75 Prozent der texanischen Anbaufläche für Grapefruit werden heute nach Angaben der IAEA die Sorten „Star Ruby“ und „Rio Red“ angebaut, die unter dem Handelsnamen „Rio Star“ exportiert werden und aus der radioaktiven Bestrahlung der seit 1929 bekannten Sorte „Ruby Red“ hervorgegangen sind. Auch der Großteil des in der Mittelmeerregion angebauten Hartweizens, Grundlage für Pasta und Nudelgerichte, sind heute mit Hilfe von Gamma-(Kobalt-60), Röntgenstrahlen oder schnellen Neutronen geschaffene Sorten wie etwa Castel-porziano und Castelfusano. Hartweizen-Mutanten bedecken heute siebzig Prozent der Anbauflächen für diese Getreidesorte. Auch Opium, das Rauschgiftsüchtige etwa in Form von Heroin konsumieren, wurde durch radioaktive Bestrahlung so mutiert, dass die Kapsel größeren Ertrag versprachen. Und immerhin elf Tabaksorten wurden ebenfalls dieser Behandlung unterzogen.

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