• Anschrift:
    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
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Zur Erinnerung an die Opfer der Enteignung und Vertreibung
Pressemitteilung vom 01.05.2004


K.-Landrat
Salzwedel, den 12.10.1945
Bodenreform

An den enteigneten Besitzer und Angehörige Walter Klaehn, in Stöckheim u. Hanum

Sie werden aufgefordert, Ihren bisherigen Wohnsitz innerhalb 24 Stunden unter Mitnahme von nachstehend aufgeführten Gegenständen zu verlassen:

- a Person 1 Bett (nicht einbegriffen ist das Bett für den Mann, der nicht da ist)
- Wäsche und Kleidungsstücke a Person 30 kg.
- Lebensmittel entsprechend der Menge einer Zuteilungsperiode.
- Mobiliar: Einrichtungsgegenstände für ein Wohnzimmer und 1 Küche.


Für den Abtransport obiger Gegenstände kann ein Gespann leihweise benutzt werden, jedoch muss dieses Gespann unverzüglich zurückgegeben werden.
Eine polizeiliche Abmeldung ist unbedingt erforderlich.

SIEGEL
K.- Landrat, Unterschrift


Gemäss Anordnung des Herrn Präsidenten der Provinz Sachsen vom 8.10.1945 darf Ihnen ein Zuzug in andere Gemeinden nicht verwehrt werden. D.O.

So der Enteignungsbescheid.

Am 10. Oktober 1945 um 15.00 Uhr fuhr ein Auto mit rotwehender Fahne auf den Betrieb. Heraus stieg der Landwirt, Rittmeister und jetzige Kommunist Heinz Meyer, Plüggen in Begleitung weiterer Kommunisten, die meine Mutter und uns drei minderjährige Kinder vom Grundstück wiesen. Mutter habe nach angesagter Revision ab 2O.OO Uhr abends Wohnhaus, Betrieb und den Heimatort sowie das Vorwerk in Hanum nie wieder zu betreten.

Mutter widersprach stark und als schärferes Drohmittel schickte man den neuen Landrat mit einem Russen. Dieser sprach die Haft aus und Mutter wurde für ungewisse Zeit mitgenommen. Durch die Fürsprache unserer Landarbeiter wurde sie später wieder freigelassen. Der enteignete Betrieb war seit 1610 im Familienbesitz

Von Verwandten wurden wir in einem Nachbarort aufgenommen. Nach drei Monaten hatte sich die Lage so zugespitzt, dass wir über die Grenze nach Westdeutschland flüchteten. Dort wurden wir von einer Freundin meiner Mutter aufgenommen, die Eigentümerin eines landwirtschaftlichen Betriebes war. Ich, als älteste 11- Jährige.Tochter, besuchte zur Enteignungszeit die Oberschule in Salzwedel/Altmark. Zwei Monate nach Erhalt des Enteignungsbescheides wurde ich von der Oberschule verwiesen mit der Begründung, als Kapitalistenkind einer enteigneten Junkerfamilie keinen Anspruch auf höhere Schulbildung zu haben.

Noch heute im Jahre 2004 dient mein enteignetes Elternhaus der Bundesrepublik Deutschland als Schulgebäude. Kostenlos. 1957 folgte ich meinem Verlobten nach Chile. Mit viel Arbeit und Entbehrungen haben wir auf eigener Erde einen landwirtschaftlichen Betrieb aufgebaut.

Dorothee Schirmer geb. Klaehn

V E R L O R E N E H E I M A T

Herbstnebel dampft, und Hufschlag stampft,
die Pflugschar stösst sich Gänge.
Meines Vaters Feld ein Fremder bestellt-
dass ihm die Pflugschar zerspränge !

Die Not ging vorm Pflug mit dem Säetuch,
als Vater pflügte dahinter,
all der Garben Gold ist raschelnd verrollt
in weisse würgende Winter.

Der Fremde kam, der Fremde nahm
Haus, Felder, Bäume und Wiesen,
Den braven Hans – sein Schritt war Tanz ! –
und die Kühe: Lotten und Liesen.

Zum Abschiedsgruss irrte mein Fuss
zur Nacht auf Vaters Erde.
Hab´ die Schollen geküsst, als ich fortgemüsst,
die Erde schmeckte todherbe.

Herbstnebel dampft, und der Hufschlag stampft,
es schnauben die pflügende Pferde.
Eines Fremden Schritt entweiht und zertritt
meine heilige Vatererde.

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