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Der „rote Koffer“ des Stasi-Chefs
Wie standhaft war der Antifaschist Erich Honecker in der Haft?
Pressemitteilung vom 02.04.2004


Nach einem Zeitungsbericht ist der schon fast in Vergessenheit geratene „rote Lederkoffer“ von Stasi-Chef Erich Mielkes wieder aufgetaucht. In ihm war die Angst von Erich Honecker eingeschlossen: Die Angst vor Unterlagen, mit dem der Stasi-Minister den 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR in der Hand hatte.

Ein Koffer und die „antifaschistische Legitimation“
Im real existierenden Sozialismus war der Stellenwert der „antifaschistischen Helden“, des kommunistischen Widerstandes besonders hoch. Dies galt auch für den DDR-Staats- und Parteichef Honecker, und es schien nach dem Zusammenbruch der DDR zunächst so, als bliebe wenigstens dieser Zeitabschnitt seines politischen Lebens unangetastet.

Zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt
Nach Hitlers Machtergreifung tauchte der Jungkommunist in den Untergrund ab. Der als Mitglied des Kommunistischen Jugendverband Deutschlands (KJVD) arbeitende Honecker wurde 1935 mit anderen KJVD-Aktivisten verhaftet. Zwei Jahre später wurde er vom Volksgerichtshof zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, die er in Brandenburg-Görden absaß. Eine milde Strafe im Regime des Todes.

Honecker, ein Mensch mit all seinen Unzulänglichkeiten
In der Geschichtspropaganda der SED wurde er aber als „unbeugsamer Kämpfer“ gefeiert, der trotz unmenschlicher Verhörmethoden, trotz Folter und drohendem Fallbeil keinen seiner mitgefangenen Genossen verriet und selbst noch im Zuchthaus den „Aufbau einer illegalen Parteiorganisation“ betrieb. Doch die in Mielkes rotem Koffer befindlichen Akten des Oberreichsanwaltes beim Volksgerichtshof sprechen eine ganz andere Sprache. Danach war Honecker ein Mensch mit all seinen Unzulänglichkeiten, der unter dem Druck der Gestapo-Verhöre zum Verräter wurde. Indem er seine mitangeklagten Genossen Bruno Baum und Sarah Federova schwer belastete, entging er lebenslänglicher Haft oder gar dem Schafott.

Honecker als Kalfaktor
In Brandenburg-Görden gelangte Honecker dann durch seine Kooperation mit der Zuchthausleitung in die gehobene Stellung eines Kalfaktors. Der Direktor der Haftanstalt urteilte in einem Schreiben an den Oberreichsanwalt vom September 1942, er habe den
Eindruck gewonnen, dass Honecker „im Laufe seiner Strafzeit zur Einsicht gekommen ist“ und es „ernst und ehrlich meint, wenn er sagt, dass er seine Jugendideale im jetzigen (nationalsozialistischen) Staat verwirklicht sehe“.

Braune Justiz schonte Honecker
Und auch noch im März 1945 schonte die braune Justiz Honecker. Nachdem sich der bei Aufräumarbeiten im zerbombten Berlin eingesetzte Häftling auf und davon gemacht hatte und nach mehreren Tagen auf Grund seiner ausweglosen Situation wieder zu seinem Arbeitskommando zurückgekehrt war, sah man von einer Bestrafung ab. Obgleich in diesen Tagen des großen Sterbens das Leben eines kommunistischen Zuchthäuslers so gut wie nichts galt, wurde Honecker lediglich nach Brandenburg-Görden zurückgeschickt, wo er dann kurze Zeit später von der Roten Armee befreit wurde.

Honecker war von Mielke erpressbar
Über die Hintergründe dieser wundersamen Rettung gibt der Inhalt des roten Koffers keinen Aufschluss mehr. Für Geheimdienstchef Mielke reichten freilich bereits die überlieferten, von ihm über Jahrzehnte in einem Tresor aufbewahrten Akten, machten diese doch den „antifaschistischen Helden Honecker“ erpressbar. Dass der skrupellose Greis Mielke, der als junger Kommunist im August 1931 zwei Berliner Polizeihauptleute rücklings erschossen hatte, von seinem Wissen Gebrauch machen würde, darüber musste sich der DDR-Staats- und -Parteichef spätestens im Oktober 1989 - als es während einer Sitzung des Politbüros um seine Absetzung ging - klar geworden sein. Nachdem sich Honecker geweigert hatte, zurückzutreten, schrie ihn Mielke an, „er würde noch einmal auspacken und erzählen, da würden wir uns noch wundern“.

Odyssee einer Rückkehr
Honecker trat bekanntlich kurze Zeit später ab. Der rote Koffer tauchte ein paar Monate darauf in Mielkes Arbeitszimmer im Stasi-Hauptquartier in der Ost-Berliner Normannenstraße auf. Nach einer regelrechten Odyssee, die vom Gemeinsamen Landeskriminalamt, über Bundesanwaltschaft und Bundesarchiv führte, kehrte er nun vergangene Woche wieder an seinen Fundort zurück - in die Stasi-Unterlagen-Behörde, die in den Gebäuden des früheren DDR-Geheimdienstes untergebracht ist.

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