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    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
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Im Märzen der Bauer
Von Eckhard Fuhr
Pressemitteilung vom 26.03.2004


Diese Woche zog durch mein Gemüt ein liebliches Geläute. Es war nicht das Handy. Ich hatte es ausgeschaltet, als ich auf der Autobahn von Berlin in Richtung Südwesten fuhr, an den Rhein. Es war kaum Verkehr. Ich kam gut voran. In der Gegend von Halle zeigte das Außenthermometer 19 Grad. Die konturlose, zersiedelte Landschaft endloser Gewerbegebiete lag in strahlendem Sonnenschein.
Gerade noch aus dem Augenwinkel erhaschte ich das Bild, das jene Gemütsbewegung bewirkte: Zwischen Baumärkten und Speditionshallen zog sich eine von Obstbäumen gesäumte Landstraße. Und auf dieser Landstraße zuckelte ein Pferdefuhrwerk gemächlich dahin, ein Fuhrwerk, das zur Arbeit fuhr, kein Freizeitgefährt, keine Geburtstags-Kinderbelustigung. Es war ein Bauer, der im Märzen seine Rösser eingespannt hatte, sicher ein Nebenerwerbslandwirt, vielleicht ein Nostalgiker, ein Pferdenarr, ein Sonderling. Ich hätte ihn mit "Herr Frühling" angesprochen, wenn ich nicht mit meinem alten Opel dahingebraust wäre, mich also in einer Lage befunden hätte, die für ein Gespräch mit einem fleißigen Landmann nicht eben günstig ist. Immerhin hat er mir die Augen geöffnet. Mehr Verkehr als auf der Autobahn war nämlich auf den Feldern. Überall zogen Traktoren mit Eggen, Walzen oder Sämaschinen ihre Spur. Früher kannte ich alle Traktorenmarken. Fendt und Kramer waren grün, Ferguson und McCormick rot, Hanomag war immer blau. So kam in den sechziger Jahren Farbe ins Dorf. Den Pferden trauerte ich trotzdem nach, vor allem den schweren belgischen Kaltblütern, deren Rücken so breit war, dass man als Kind nur im Spagat darauf sitzen konnte. Ich bewundere die Bauern. Und ich beneide sie auch. Viele Zeitgenossen sehen in ihnen entweder Relikte einer vergangenen Zeit, die durch Milliardensubventionen künstlich am Leben erhalten werden. Andere geraten, wenn sie einen pflügenden, eggenden oder säenden Landwirt sehen, in ökologische Panik, weil sie die ganze Landwirtschaft für ein Verbrechen an Umwelt und Gesundheit halten. Dabei kann es die Landwirtschaft, was Modernisierungs- und Anpassungsleistungen angeht, mit jedem anderen Wirtschaftszweig aufnehmen. Und bevor man den ökologischen Stab über sie bricht, sollte man die Tatsache zumindest bedenken, dass sie Nahrungsmittel hervorbringt, die so gesund und so billig sind wie noch nie in der Geschichte. Von ihrer kulturellen Leistung nicht zu reden. Die Landschaftsbilder, die uns durch den Kopf gehen, wenn wir den Begriff "Europa" denken, sind das Ergebnis bäuerlicher Arbeit. Die Landschaftsgeschichte ist ein spannender Film, ein Bauernepos.
Leider gehört es auch zur europäischen Tradition, dass die Geistesmenschen die Bauern entweder verachten oder romantisieren. Manchmal denke ich, es sollte kein Feuilleton geben, in dem nicht der Agrikultur ein bevorzugter Platz eingeräumt wird. Die kulturfeindliche Fressgier des gemeinen Wildschweins kann ihn in seiner Existenz bedrohen. Die Jahresversammlung der Jagdgenossenschaft war das Ziel meiner Reise. Die Jagdgenossenschaft ist der Zusammenschluss der Grundeigentümer eines Jagdbezirks.
Den Ton dort geben natürlich die Bauern an. Wenn die Rede auf die Wildschweine kommt, entschwindet jegliche Gemütlich- und Behäbigkeit aus diesem Ton. Wir, die Jäger, hatten große Mengen Wildschweingulasch zubereiten lassen, schon um zu zeigen, dass die Schweine auch ihre gute Seite haben. Die Versammlung verlief auch durch den Einsatz flüssiger Besänftiger fern jeglicher aggressiver Eskalation. Es blieb aber eine gewisse Ratlosigkeit. Gegen alle möglichen Schädlinge hat der Bauer seine Mittel und ist bei deren Anwendung nicht zimperlich. Die Wildschweine aber haben bisher auf alle Strategien der Schadensabwehr eine Antwort gefunden. Sie sind schlau, kämpferisch und flexibel. Echte Vorbilder für den Standort Deutschland.

Der Autor ist Feuilleton-Chef der Tageszeitung DIE WELT. Der Artikel erschien am 20. März 2004.

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