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    Bundesverband
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Leider kein Märchen:
Wie gelbe Plastikplättchen die Verbrauchersicherheit gefährden
Pressemitteilung vom 26.02.2004


Es war einmal eine Bio-Bäuerin im niedersächsischen Quakenbrück, die ihrer Ministerin glaubte und die Forderung "Klasse statt Masse" für bare Münze nahm. In der Rinderhaltung der promovierten Landwirtin wurden Tierschutz, Naturschutz und Verbrauchersicherheit ganz groß geschrieben und das erzeugte Rindfleisch war eine Klasse für sich.
Doch die harte Praxis lehrte, dass es in der Rinderhaltung weniger um gutes und gesundes Fleisch, sondern mehr um gelbe Plastikplättchen geht. Denn nur die allein schmecken dem bösen Drachen "Agrarbürokratie". Und wurde er mit denen gefüttert, so versank er in einen tiefen Schlaf und wachte auch nicht mehr darüber, dass den kleinen, bösen BSE-Prionen jedes Schlupfloch verstopft werde. Weil die Bäuerin aber eigentlich gerne gesundes und leckeres Rindfleisch für Menschen produzieren wollte, machte sie sich auf in den Kampf gegen den "Ohrmarken-Fetischismus".

Dies ist es, was der Bäuerin widerfahren war:
Jedes ihrer Rinder konnte sie auf den ersten Blick anhand seiner Farbe und Zeichnung eindeutig identifizieren, und sie wusste sogar die Endziffern der Ohrmarkennummern aus dem Rinderpass eines jeden Tieres auswendig. Nicht nur, dass jedes Tier auf BSE getestet wurde - beim Fleischkauf erhielt auch jeder Kunde genaueste Informationen über das Tier, von dem das erworbene Fleisch stammte, und konnte sich darüber hinaus das ganze Jahr über selbst ein Bild davon machen, wie die Rinder gefüttert und gehalten wurden. Zusätzlich wurden regelmäßig Fotos und Videoaufnahmen angefertigt, welche die Haltungsbedingungen auf dem Betrieb dokumentierten.
Doch wer da meint, die Verbraucherministerin wäre persönlich auf dem Bio-Betrieb vorbei gekommen, um einen Orden überreichen, der hat weit gefehlt.

Nein, statt dessen belegte die Agrarbürokratie die Bio-Landwirtin mit einer saftigen Geldstrafe, die den Gewinn aus der Rinderhaltung auffraß. Der Grund ? Die Rinder durften zu viel in der Sonne herumlaufen und hatten zu viele Möglichkeiten sich wohlig an Bäumen zu schubbern.
Wieso das ein Vergehen ist? Ich bitte Sie! Dadurch wird ein Straftatbestand geradezu provoziert, der das Schlimmste ist, was sich Agrarbürokraten vorstellen können: Verlust zweier gelber EU-Plastikohrmarken an einem Rind ! Denn der Ohrmarken-Kunststoff mochte diese Bedingungen nicht, so dass die gelben Plastikplättchen reihenweise abbrachen.

So begab es sich denn, dass ein Kontrollbeamter, der im Dienst an der Weide der Bio-Bäuerin vorbeischaute, zwei ca. 600 kg schwere Ochsen partout nicht feststellen konnte. Wo normale Menschen Rinder sehen, können Agrarbürokraten nämlich nur Ohrmarken sehen. (So rein als Privatperson hätte er die Rinder schon wahrgenommen, aber eben nicht als Amtsperson.)

Zwar hatte jedes Tier einen ordnungsgemäßen Tierpass und alle Einträge im Bestandregister und in der zentralen Datenbank waren auch korrekt. Es gab auch Fotos und Videoaufnahmen, anhand derer sich zweifelsfrei belegen ließ, wer die beiden sehr eindeutig gezeichneten schwarzgescheckten Ochsen, die Cäsar und Gustav genannt wurden, tatsächlich waren. Auch der Kontrollbeamte sah eigentlich keinerlei Hinweise auf irgendwelche Manipulationen oder Betrügereien.
Aber die Bürokratie kennt keine Gnade - Rinderohren ohne Ohrmarke - das kam einem Kapitalverbrechen gleich ! Jeder Landwirt musste - koste es, was es wolle, notfalls unter Einsatz seines Lebens - im Falle eines Ohrmarkenverlustes sofort und umgehend seinen Rindern auf der Weide hinterher jagen, um ihnen den dicken Dorn einer neuen Ohrmarke in einer schmerzhaften Prozedur durch´s Ohr zu treiben.

Übrigens: Wären die Ohrmarken unter den Ochsen vertauscht worden - hätte Cäsar die von Gustav bekommen und andersherum, hätte die Agrarbürokratie es nie gemerkt und alles wäre in Butter gewesen. Das nennt man eindeutige Identifikation. Hätte die Landwirtin falsche Eintragungen in die Datenbank gemacht oder bei den Tierpässen gemogelt, wäre das halb so schlimm gewesen. Das hätte sie schon zwei Mal machen müssen, bevor es eine Strafe gegeben hätte.

Aber Rinderohren ohne Ohrmarke - da war die Höchststrafe fällig - die deutschen Agrarbürokraten kannten hier keine Gnade. Einheitlich schallte es aus Bund und Land: "Das verlangt die große, fürchterliche EU-Kommission." Dass die EU-Verordnung eigentlich nur Betrügereien verhindern sollte, dass sie in jedem Einzelfall auch noch Entscheidungsspielraum zubilligte und dass ein Ochse etwas anderes ist als eine Mutterkuh, das war den Agrarbürokraten einfach zu komplex.
Ohrmarke ja oder nein, das konnte man noch verstehen - den EU-Verordnungstext lesen und sinnvoll interpretieren, das war zuviel verlangt.
Und weil die Agrarbürokraten so beschäftigt damit waren, ehrliche Rinderhalter zu jagen, deren Rinder zu glücklich lebten, um den gelben Plastikohrmarken dauerhaften Halt zu geben, und weil ihr Glaube an die Ohrmarken so stark war, dass es es ihnen deuchte, es sei immer alles in Ordnung, wenn nur die gelben Plastikplättchen an den Rinderohren hingen, so fiel es ihnen über Jahr und Tag nicht auf, wie zur Optimierung von Prämien, zur Minimierung von BSE-Testkosten immer wieder Rinder geschlachtet wurden, die eine neue Identität bekommen hatten.

Doch die mutige Bio-Bäuerin machte sich auf und suchte in den Landwirtschaftsministerien von Bund und Land, ob es nicht irgendwo doch noch eine verantwortliche Person gäbe, die des Lesens und Denkens noch mächtig war. Schließlich gefährdete der unerschütterliche Glaube an die Allmacht der Ohrmarke nicht nur die artgerechte Rinderhaltung, sondern auch die Verbrauchersicherheit.

Doch wenn sie nicht gestorben ist, dann sucht sie wohl noch heute...

Autorin:Bio-Landwirtschaftsbetrieb Dr. Ulrike Litwin, Bahnhofstraße 29, 49610 Quakenbrück http://www.natur-rindfleisch.onlinehome.de

* Mit freundlicher Genehmigung von Frau Dr.Litwin.

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